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Bodenfruchtbarkeit - Eine Studie biologischen Denkens

Bodenfruchtbarkeit - Eine Studie biologischen Denkens
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Bodenfruchtbarkeit - Eine Studie biologischen Denkens
7. , unveränderte Auflage 2004. 256 Seiten. Fototafeln. Hardcover. ISBN 3-922201-45-8
 
Der Arzt und Mikrobiologe Dr. Hans Peter Rusch prägte den Begriff vom "Kreislauf der lebenden Substanz" als Grundlage für alles biologische Denken und Handeln: "Mensch und Tier [...] sind von der Pflanze direkt oder indirekt abhängig, die Pflanze selbst wieder vom Boden, zu dem Reste und Abscheidungen aller Lebewesen zurückkehren und den Kreislauf der Substanz und Energie in der Natur schließen."  In diesem Buch setzt sich der Autor mit Mikrobiologie und ihrer entscheidenden Rolle für die Bodenfruchtbarkeit auseinander. 
Der Autor Dr. Hans Peter Rusch (1906-1977), Arzt und Mikrobiologe. Er entwickelte einen mikrobiologischen Bodentest ("Rusch-Test"), der die Menge und Qualität der lebenden Substanz im Boden feststellt, was mit chemischen Methoden nicht erfasst werden kann. Hans Peter Rusch begründete zusammen mit dem schweizer Biologen, Agrarpolitiker und Bauernführer Dr. Hans Müller die organisch-biologische Landbaulehre. Grundlage dafür waren ihre Arbeiten über die Pflege des Bodens und den Erhalt seiner langfristigen. Hier nach haben sich in Deutschland Bauern, Gärtner, Winzer und Imker zum BIOLAND e.V. Verband für organisch-biologischen Landbau zusammengeschlossen und verbindliche Richtlinien erarbeitet, nach denen sie nunmehr seit über zwei Jahrezehnten wirtschaften

Die Basis des Bioland-Anbaus

"Auch 40 Jahre nach seinem Erscheinen sind viele seiner Grundgedanken noch richtungweisend für die Weiterentwicklung des biologischen Landbaus", schrieb Dr. Edwin Scheller in einer Rezension der Neuauflage des Buches "Bodenfruchtbarkeit" von Hans Peter Rusch in bioland 8/2004.Der Autor formulierte in dieser Rezension allerdings auch Kritikpunkte an der Lehre Ruschs aus seiner heutigen, wissenschaftlichen Sicht. Dazu nehmen im Folgenden zwei Pioniere des Bioland-Anbaus, Siegfried Kuhlendahl und Alfred Colsmann, Stellung.

Entscheidend ist die lebende Substanz

Die Unterstellung Schellers, Rusch seien "aus heutiger Sicht gravierende Fehlurteile und eine Fehleinschätzung der Humusfunktion im Boden unterlaufen" ist so ungeheuerlich, dass es einer Aufklärung bedarf am besten durch Dr. med. habil. Hans Peter Rusch selbst mit einem Auszug aus seinem Beitrag: „Mineralisation der lebenden Substanz" in „Kultur und Politik“ [Jg. 29,3/74, S. 15-17):
" Im lebenden Mutterboden ist der Stoffwechsel ganz besonders Rätselhaft, weil dort die Stoffe, die man dem Boden als Nahrung, also als Düngung anbietet, tatsächlich zum größten Teil – wenn man die Sache rein mengenmäßig betrachtet – aufgespalten werden, vor allem die Kohlenhydrate, die als Zellulose der häufigste Bestandteil der düngefähigen Mineralien sind. Hier kann man tatsächlich von „Mineralisation“ sprechen, man darf nur nicht vergessen, dass sich die Mineralisation, d. h. die Aufspaltung bis zu ganz kleinen Mineralverbindungen, lediglich auf zweitrangige, organische Stoffe bezieht, nicht aber auf die biologisch wertvolleren, größeren Moteküle und schon gar nicht auf die lebende Substanz. Abgebaut wird nur das, was sich im Stoffwechsel der Organismen, besonders der Pflanzen, relativ leicht wieder aufbauen lässt; nicht abgebaut aber wird das, was für das Leben der Pflanze und letztlich auch der Tiere und Menschen wertvoll und lebenswichtig ist, und das sind in erster Linie die Lebenden Substanzen. […]
Das ist letzten Endes der tiefere Sinn so genannter Humusbildung, mit der aus unbrauchbarem, ja giftigem Abfall wertvollste Pflanzennahrung zubereitet wird, oder kurz gesagt: Was entbehrlich ist für die Pflanzen wird abgebaut – mineralisiert – was unentbehrlich ist, bleibt erhalten. […]
Kein Mensch wird heute mehr ernsthaft bestreiten, dass sich biologische Wertigkeiten keineswegs am mengenmäßigen Anteil messen lassen. Die lebenden Substanzen dirigieren den ganzen Stoffwechsel, sie bewegen riesige Mengen von mineralischen Stoffen, sie gestalten jegliche Lebenserscheinung auf der Erde und machen doch nur einen unvorstellbar winzigen Anteil aller Stoffe aus, die zum Bau und Betrieb der Organismen gebraucht werden. […]
Das Entscheidende dabei aber ist und bleibt sie selbst; die lebende, Substanz mit ihrem Ordnungsgefüge, in dem alle lebendigen Gestaltungen der Erde eingeprägt sind. Ohne, sie gibt es kein Leben auf der Erde, und das Leben kommt nur aus Leben und niemals aus der Mineralisation.
Damit werden sich auch die Agrikulturchemiker abfinden müssen.“

Wer als Rusch-Schüler wie wir diese Forschungserkenntnisse über 30 Jahre im geschlossenen Kreislauf umsetzen durfte und dabei die stetige Besserung der Gesundheit und Fruchtbarkeit bei Pflanzen und Tieren sowie die vorher nicht gekannte Gare und Ertragskraft unseres Bodens bestaunt hat, der weiß das Vermächtnis Ruschs zu schätzen als das geistige und fachliche Fundament unseres organisch-biologischen Landbaus! Wenn das aus „heutiger Sicht“ nicht mehr (an-)erkannt wird, werden wir den Zustand bekommen (oder schon haben?), den Herwig Pommeresche in seinem lesenswerten Buch „Humussphäre“ so beschreibt:
„ Die Biologie hat in der wissenschaftlichen Entwicklung der Agrikultur versagt. Die technologische Landwirtschaft ist leider weit davon entfernt, etwas mit Ökologie gemeinsam zu haben. Solche Aussagen zeigen lediglich eine erschreckende Inkompetenz. Was vielmehr Sorgen macht ist, dass die so genannte ökologische Landwirtschaft fast schon wieder so gut wie technologisch ist.
Von den Ökologen leider heute nicht (mehr) bemerkt, kann die ökologische Wissenschaft die chemische Agrikultur überhaupt nicht grundsätzlich angreifen. Sie hat fast keine tragenden Gegenargumente, weit sie nämlich mit dem gleichen NPK-Ernährungsmodell arbeitet wie ihr eigentlicher Gegner. Das beeinflusst die gesamte ökologische Landwirtschaft und es ist das, was eine zukunftsgerichtete Forschung und Praxis so verwirrt und ineffektiv macht.

Siegfried Kuhlendahl, Velbert-Neviges
Alfred Colsmann, Eurasburg

Die wahre Funktion des Humus

Scheller unterstellt Rusch den Humusbegriff, den dieser gerade so nicht definiert hat; heißt es doch im vorhergehenden Begleittext ausdrücklich (Bodenfruchtbarkeit, 6. Auflage, S. 105), was u.a. unter „organischer Substanz“ verstanden wird: „Schwarzbraune oder graue Neubildungen…, die an den Grenzflächen der Tonkristalle anheften, dass sie weder chemisch noch physikalisch ablösbar sind. Es wird stillschweigend angenommen, dass alle anderen organischen Substanzen der Mineralisation anheim fallen, und damit ist der begriff „Humus“ von einem Lebensvorgang zu einem natürlichen Abfallstoff degradiert worden.“
Sofort daran anschließend folgt unter dem Untertitel „Huminstoffe“ die von Scheller unvollständig zitierte Textstelle: Ordnen wir das, was man hier „Humus“ nennt, in die biologische Rangordnung ein, so handelt es sich um Stoffe, die aus irgendwelchen Gründen nicht vom Boden verdaut werden, im wesentlichen um Inhaltsstoffe der Zellulosen und Haemizellulosen wie das Lignin. […] Tatsächlich haben die Humine mit der Bodenfruchtbarkeit so viel und mehr zu tun als die Tonkristalle, […] Humine… sind um das fünffache potenter als die Austauscher mineralischer Herkunft […]“
Daraus ein Fehlurteil Ruschs abzuleiten, ist unkorrekt. Wenn Scheller dann neue Erkenntnisse über die Abbaumöglichkeit dieser organischen Stoffe anführt, so wirkt das Rusch-Zitat auch hier einseitig; denn Rusch schreibt im Nachsatz (Seite 106):
„ Dass sie (die Huminstoffe) gleichwohl im Boden noch mehr leisten können als die feinstrukturierten Tonkristalle, beweist allenfalls, dass organische Großmoleküle noch biologisch leistungsfähiger sind als mineralische und dass es die Natur versteht, Abfallstoffe für die Zwecke des biologischen Substanzkreislaufes zu gebrauchen auch dann, wenn es sich um Stoffe handelt, die aus dem Kreislauf ausgeschieden werden müssen.“
Anschließend gibt Scheller zu, dass 15.000 kg/ha Eiweißtrockenmasse im Boden sind; also haben wir es doch hier z.T. mit den von Rusch dargestellten und im Humus gespeicherten „lebenden Substanzen“ zu tun, die allerdings im Falle einer Analyse durchaus zu Aminosäuren u.a. zerlegt werden können, was dann aber ihren Tod bedeuten würde. Leben kann ja bekanntlich durch Analyse nicht erkannt werden.
Scheller unterstellt im weiteren Text auf Grund einer Fehleinschätzung der Funktion der Huminstoffe, dass Rusch damit auch die wahre Funktion des Humus im Boden nicht hätte erkennen können. Hier kann man nur feststellen, dass Scheller den Kern der Arbeit Ruschs nicht erfasst hat: nämlich, dass dieser den Nachweis erbracht hat, dass die Pflanzen im Zusammenwirken mit den Wurzelsymbionten die Fähigkeit haben, die im Humus gespeicherten (lebendigen!) Großmoleküle über die Wurzel in sich aufzunehmen. Die neueren Forschungen von Rataever (s. „Humussphäre“ von Herwig Pommeresche, 2004, S. 54) haben bereits 1993 die Bestätigung gebracht, dass die „Endocytose“ es den Zellen der Wurzelspitze ermöglicht, diese Großmoleküle in die Pflanze aufzunehmen, so wie es Rusch als „Kreislauf der lebenden Substanz“ schon in den fünfziger Jahren beschrieben hat. Damit ist auch wissenschaftlich erwiesen, dass Rusch das jetzt 160 Jahre alte Dogma von der Pflanzenernährung mit Ionen nach Justus von Liebig zu Recht als lediglich eine Form der Noternährung eingestuft hat!
Rusch formulierte das „biologische Ganzheitsexperiment“, das auch Scheller als durchaus zeitgerecht anerkennt; Rusch zeigt in seinem Buch auf, dass dieses die Grundlage ist für das Erscheinen der „Fruchtbarkeit als Ereignis“: Fruchtbarkeit definiert Rusch als eine über viele Generationen mögliche Erhaltung der Arten. Dies geschieht im weitestgehend geschlossenen Kreislauf des landwirtschaftlichen Hoforganismus! Als positiver Beweis für die Richtigkeit dieser Idee kann gelten, wenn es zum Beispiel gelingt, auf einem Hof einen Weizen über eine Zeit von 47 Jahren ohne Saatgutwechsel nachzubauen, dabei den Ertrag und die Qualität des Getreides in dem gleichen Maße zu verbessern wie sich auch der Boden zu besserer Gare und Leistungsfähigkeit entwickelt. Dieser Beweis wurde auf unserem Hof erbracht. Daher bleibt das Buch von Rusch die auch heute noch zeitgemäße und gültige Grundlage der organisch-biologischen Landbaumethode als Basis des Bioland-Verbandes, wenn es richtig gelegen, richtig verstanden und richtig in die Praxis umgesetzt wird.

Alfred Colsmann
Eurasburg


 Der Arzt, der den Boden untersuchte

Der Frauenarzt und Bodenkundler Hans Peter Rusch wäre in diesem Jahr (2006) 100 Jahre alt geworden. Aus der Geschichte des Bioland-Verbandes ist er nicht wegzudenken. Gemeinsam mit dem Schweizer Agrarpolitiker Dr. Hans Müller und dessen Frau Maria entwickelte er in den fünfziger Jahren die Wirtschaftsweise des organisch-biologischen Landbaus. Während sein wichtigstes Werk „Bodenfruchtbarkeit“ vielen ein Begriff ist, weiß kaum jemand über den Menschen Rusch Bescheid. Die Journalistin Iris Lehmann hat für uns recherchiert:

Wenn es um die Anfänge des Anbauverbandes „Bioland“ geht, wird neben dem Ehepaar Hans und Maria Müller regelmäßig der Name Hans Peter Rusch genannt. Doch wer war Rusch eigentlich?
Wenn sich Ulrike Maas, seine jüngste Tochter, an die Erzählungen aus der Kindheit ihres Vaters erinnert, denkt sie zuerst an einen großen Garten. Der wurde von der Familie bewirtschaftet und lieferte einen Teil der Nahrung. Besonders wichtig war im Hause ihres Großvaters, einem studierten Mathematiker und Physiker, auch die musische Bildung. Hans Peter Rusch, der in diesem intakten Umfeld am 29.11.1906 in Goldap (Ostpreußen) geboren wurde, lernte meisterhaft Klavier spielen; später schwankte er lange Zeit, ob er eher die Laufbahn eines Pianisten oder die eines Arztes einschlagen sollte. Die Wahl fiel auf das Medizinstudium, das er in Gießen durchführte und 1932 mit dem Staatsexamen abschloss.

Danach schien seine Karriere vorgezeichnet: 13 Jahre lang arbeitete Rusch in der Universitätsklinik unter dem Gynäkologen Prof. von Jaschke, habilitierte und wurde selbst Dozent für Frauenleiden und Geburtshilfe. Der Arzt Prof. Helmut Mommsen schrieb später, Rusch habe in dieser Zeit an der Klinik bei seinem Lehrer von Jaschke eine strenge Schule naturwissenschaftlichen Denkens durchgemacht. Die „Familiengründungsphase“ fällt in diese Zeit. 1935 kommt Ruschs erste Tochter auf die Welt, es folgen in kurzen Abständen drei Söhne und die zweite Tochter.

Sein zielstrebiges Fortschreiten wurde durch die politischen Entwicklungen unterbrochen: Er meldete sich freiwillig zum Krieg. Ruschs älteste Tochter Helga Heim kommentiert: „Das geschah sehr zum Entsetzen von Jaschke. Mein Vater war ‘unabkömmlich‘ gestellt und sollte dessen Nachfolger werden. Aber mein Vater sagte, dass ihn seine Kameraden brauchten.“ Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen: Mit den Fallschirmjägern kam Rusch als Stabsarzt nach Sizilien und Kreta – nach Kriegsende in ein Lager der Amerikaner in Ludwigsburg. Ein halbes Jahr später wurde er entlassen.
Zurück an der Gießener Klinik musste Rusch feststellen, dass die ihm zugedachte Stelle besetzt war. Es folgte eine Zeit, in der sich der Arzt durch Mitarbeit bei einem Elektriker, bei einem Schreiner, als Dirigent eines Theaterorchesters und als Ziehharmonika-Spieler in einem Zirkus durchschlug. Dann eröffnete er in Frankfurt im Elternhaus seiner Frau eine Praxis. Parallel zur eigenen Praxis übernahm Rusch Praxisvertretungen bei seinem Freund Dr. Hans Kolb.
Damit nahm die zweite Karriere von Hans Peter Rusch ihren Lauf. Er kam in Kontakt zum Wissenschaftler Dr. Arthur Becker, der seit 1922 mit bakteriellen Vaccinen (Impfstoffen) experimentierte. Während Hans Kolb viele Ergebnisse Beckers in der klinischen Praxis umsetzte, durchdachte Hans Peter Rusch die Erkenntnisse und errichtete ein immer umfassenderes Gedankengebäude auf dem von Becker und Kolb gelegten Fundament, das er auch in Wort und Schrift bekannt machte. So veröffentlichte er in seinem ersten Buch „Naturwissenschaft von morgen – Vorlesungen über Erhaltung und Kreislauf lebendiger Substanz“ eine Reihe von Vorträgen, die er bis 1953 hielt.

Seine Beobachtungen wurden nicht nur positiv aufgenommen, in verschiedenen Zeitschriften kam es zu teilweise heftigen Kontroversen. Durch den schriftlichen Schlagabtausch in der Zeitschrift „Der Schweizer Bauer“, in dem Rusch 1952 gegen die Anwendung von Mineraldüngern Stellung bezog, geriet er ins Blickfeld des entstehenden organisch-biologischen Landbaus. Der Kontakt zu Hans Müller kam noch im gleichen Jahr zustande, nach einem Vortrag von Rusch mit dem Titel „Über die Humusbildung“. 1954 gründeten Mommsen, Becker, Kolb, Rusch und andere engagierte Ärzte den „Herborner Kreis“, dem es vor allem um die Durchführung von Versuchen in einem eigenen mikrobiologischen Laboratorium ging. Hintergrund des Wirkens war der Versuch, den Menschen in einem natürlichen Kreislaufsystem zu sehen, zu welchem sie den Kulturboden, die Landwirtschaft und die Ernährung zählten und den allgegenwärtigen Mikroben eine besondere Rolle einräumten. Gesundheit und Krankheit begriffen die Ärzte als Resultat des Zusammenspiels von Mensch und Umwelt, von Innen- und Außenwelt.

Ebenfalls in Herborn gründete Rusch eine Firma im Hinterhof einer Apotheke. Er produzierte dort das Bakterienpräparat "Symbioflor" – war jedoch, wie Rusch älteste Tochter Heim mit Nachdruck sagt: „Zum Unternehmer überhaupt nicht begabt.“ Kein Wunder, zur gleichen Zeit schrieb Hans Peter Rusch zahlreiche wissenschaftliche Artikel und Aufsätze. So erschien in fast jeder Ausgabe der Vierteljahreszeitschrift „Kultur und Politik“ zwischen 1953 und 1988 ein Aufsatz. Außerdem hielt Rusch regelmäßig Vorträge auf den Studientagungen der Bauern-Heimschule Möschberg und beteiligte sich an Besuchen und Beratungen organisch-biologisch wirtschaftender Betriebe.

Doch im Laufe der Jahre gerieten Teile von Ruschs Überlegungen, insbesondere das „Konzept der lebendigen Substanz“, zunehmend in die Kritik. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse ließen an einigen Annahmen zweifeln, eine eindeutige Widerlegung des Konzeptes war allerdings in den Fünfzigern noch kaum möglich. Rusch modifizierte das Konzept allmählich, distanzierte sich aber nie davon. Die Ablehnung in manchen Kreisen machte ihm dennoch zu schaffen. Er zog sich immer weiter zurück. Mitte der 50er Jahre war die Familie zum ersten Mal in Frankreich.
In den folgenden Jahren baute Rusch dort ein Häuschen und siedelte Ende der 60er Jahre ganz nach Frankreich über. Der Umzug nach Frankreich hieß jedoch nicht, dass Rusch ganz aufhörte zu arbeiten und zu schreiben: 1968 erschien sein viel beachtetes Buch „Bodenfruchtbarkeit“. Doch dem Arzt und Wissenschaftler waren nur noch wenige Jahre vergönnt, bevor bei ihm eine bösartige Krebserkrankung diagnostiziert wurde. Ungefähr ein Jahrzehnt dauerte sein Kampf mit der Krankheit. Am 17.8.1977 starb Hans Peter Rusch in Südfrankreich.

Vergessen ist Rusch heute jedoch keineswegs. Im vergangenen Jahr wurde sein Buch „Bodenfruchtbarkeit“ neu aufgelegt, die Firma, deren Grundstein er gelegt hat, wächst und gedeiht in den Händen seines Sohnes Volker Rusch unter dem Namen „Symbiopharm“. Ein Projekt konnte Rusch allerdings nicht mehr erledigen. Die jüngere Tochter Ulrike Maas: „Er hat immer gesagt, und nun schreib ich noch ein Buch für meine Bauern... Doch dazu ist es nicht mehr gekommen.“

Iris Lehmann
Journalistin


aus: bioland, Fachmagazin für den ökologischen Landbau, Heft 02/2006


STIMMEN AUS DER PRAXIS

Was bedeutet Rusch für mich?

Gesunde Lebensmittel machen gesund

Rusch war für mich der Einstieg in den biologischen Landbau. Im Studium bin ich auf Ruschs Buch „Bodenfruchtbarkeit“ gestoßen und er konnte mir das klar machen, wozu weder Dozenten noch Lehrbücher in der Lage waren: den Zusammenhang zwischen Pflanze und Boden.

Der Begründer der Bodenfruchtbarkeitslehre, so sehe ich Rusch, war seiner Zeit weit voraus. Seit wir uns mit BSE auseinander setzen und wissen, dass Eiweiße Krankheitserreger sein können, sind wir genau bei Ruschs Aussagen angekommen. Rusch war überzeugt, dass außer Erbsubstanzen auch andere Substanzen in der Zelle sein müssen, die Qualitätsinformationen im Kreislauf weitergeben. Sein Ansatz war sicher nicht ganz richtig, aber das Wissen zu der damaligen Zeit war eben auch nicht vorhanden. Seine Ideen hätten aus meiner Sicht am Leben gehalten und fortentwickelt werden müssen. Leider haben wir dies nicht geschafft.

In erster Linie war Rusch ja Menschenarzt und ihm ging es um die Gesundheit der Menschen, während Müller agrarpolitische Impulse setzte. Die agrarpolitische Entwicklung läuft schon seit vielen Jahren nicht zu Gunsten der Landwirtschaft. Wenn wir also in unserer Arbeit irgendeinen Sinn sehen wollen, finde ich gerade Ruschs gesundheitlichen Ansatz um so wichtiger. Diesen Aspekt müssen wir jetzt stärker hervorheben und Allianzen suchen.
Es geht bei unserer Arbeit nicht nur um Landschaftspflege und einen schönen Arbeitsplatz. Es geht darum, anderen Menschen zur Gesundheit zu verhelfen. Diesen Wert der Arbeit haben viele nicht oder nicht dauernd vor Augen. Ich denke, es wird vielen Bioland-Bauern zu einem neuen Bewusstsein verhelfen, wenn sie diesen Impuls stets in sich tragen würden. Wir müssen uns stärker auf die Zusammenhänge zwischen Mikroorganismen, Boden, Pflanze und Menschengesundheit besinnen. Mit Preiskämpfen und Kämpfen untereinander geben wir letztendlich unsere Idee auf und wir verlieren sehr viel an Qualität.

Erhard Schwalm
Bioland-Gärtner in Hessen


aus: bioland, Fachmagazin für den ökologischen Landbau, Heft 02/2006


 

Nur Leben schafft Leben

Mit der Umstellung unseres Hofes 1975 wurde das Buch von Heinrich Brauner „Die wissenschaftlichen Grundlagen des organisch biologischen Landbaus“ zum Fachbuch für die wesentlichen Anbaufragen. Es beschreibt die Erkenntnisse von Müller und Rusch in verständlicher Form. Durch Beachten dieser Grundregeln konnten wir in den 30 Jahren biologischer Wirtschaftsweise den Humusgehalt von 1,5 auf 4,5 erhöhen und den Durchschnittsertrag von 48 dt/ha Weizen und 39 dt/ha Dinkel und Roggen beibehalten, obwohl sich der Anteil der Hauptfruchtleguminosen auf 20 Prozent und die Tierhaltung auf 0,3 GV/ha verringert hat.
Bei allen Maßnahmen, die wir auf unseren Feldern durchführen, fragen wir zuerst, ob dies den Lebewesen dient, die in unseren Böden wohnen. Haben sie genügend Wasser, genügend Luft und ausreichend zu essen? So werden die ab Weihnachten gepflügten Äcker möglichst rasch bei Frost mit Mist, kompostiertem Gras, Siloabraum oder angerottetem Holzhäckselkompost abgedeckt. Mist oder unverrottete organische Substanz wird nicht untergepfügt. Unmittelbar nach der Ernte werden Gündüngungspflanzen angesät, auch vor Winterungen.

Wir haben den Mut, bei zu nassem Boden wieder umzudrehen und auf schwere 6-Zylinder-Traktoren zu verzichten. Gepflügt wird oft bereits im August und die danach angesäte Begrünung vor der Aussaat der Winterung oberflächig eingegrubbert. Die Winterfurche wird erst nach den ersten Frösten gezogen, wenn sich die Regenwürmer in tiefere Schichten verzogen haben.

Düngung heißt bei uns Fütterung der Bodentiere, am liebsten mit Pflanzenwurzeln. Die geringe Menge Gülle wird zur Hälfte mit Wasser verdünnt, ab 16 Uhr ausgebracht und am nächsten Tag eingestriegelt. Die Bodenlebewesen stellen bei dieser Pflege unseren Pflanzen ein reichhaltiges Angebot von Pflanzennährstoffen zur Verfügung. Mit Technik oder Chemie können nur solche Stoffe erzeugt werden, deren Atome und Moleküle eine periodische Stellung zueinander haben. Die aperiodische Stellung entsteht nur in der Natur, sie zeugt von Leben. Nur Pflanzen, die mit solchen, durch die Bodenlebewesen erzeugten Nährstoffen versorgt werden, sind wahre, der Gesundheit dienende Lebensmittel. Dies ist die eigentliche biologische Qualität und deswegen hat Rusch die These „Nur Leben schafft Leben“ geprägt.

Andreas Gruel
Bioland-Bauer in Baden-Württemberg

aus: bioland, Fachmagazin für den ökologischen Landbau, Heft 02/2006




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